Geschichte des Stadler-Verlags

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1815–2015
200 Jahre Verlag Stadler

Immer eng verbunden mit der Stadt

Martina Keller-Ullrich

 

Konstanz vor 200 Jahren: Die Stadt hatte gerade einmal 4.516 Einwohner, es gab noch keinen Stadtgarten, dafür noch die mittelalterliche Stadtmauer, auf den Straßen verkehrten Fuhrwerke und an einen Bahnanschluss  oder die Fähre war noch nicht zu denken. Was es jedoch schon gab, war der Verlag Stadler, gegründet 1815 von Josef Meinrad Bannhard aus Kreuzlingen, der sich in Konstanz als Buchdrucker niederließ. Als Bannhard 1831 starb, stellte seine Witwe den 23-jährigen Jakob Stadler aus Nürnberg als Gesellen ein. Fünf Jahre später heiratete dieser Josephine, die älteste Tochter der Familie Bannhard Jakob Stadler wurde Geschäftsführer der Druckerei und erwarb das Konstanzer Bürgerrecht. 

 

Heute leitet mit Christian Stadler die sechste Generation der Familie Stadler die Verlage. Ebenfalls noch aktiv ist sein Vater Michael, der sich noch um langjährige Kunden kümmert und wichtige Verbindungen pflegt. Vieles hat sich seit der Gründung geändert, geblieben ist jedoch allen Stadler-Generationen die enge Verbundenheit mit der Stadt und der Region, die sich noch immer in zahlreichen Publikationen niederschlägt, darunter beispielsweise der seit 1955 jährlich erscheinende „Konstanzer Almanach“, die sechsbändige sieben Bücher umfassende „Konstanzer Stadtgeschichte“, historische und literarische Bildbände über den Bodensee, Sachbücher, Mundartliteratur, kleine Kunstführer oder Monographien über Künstler aus der Region und nicht zu vergessen natürlich die Kalender, unter deren verschiedensten Sujets alljährlich auch verschiedene Bodenseekalender zu finden sind. Der erste Jahrgang des Kalenders „Malerischer Bodensee“ wurde bereits für das Jahr 1963 produziert und ist noch heute unter dem gleichen Titel erhältlich. 

Innovativer Geschäftsmann und Bürger

1817 zum ersten Mal erschienener Kalender „Wanderer am Bodensee“, der bis 1943 ohne Unterbrechung publiziert wurde.

Wichtige Grundsteine für die Entwicklung des Unternehmens hat bereits Jakob Stadler gelegt. Er kaufte 1841 das Haus Nr. 826 in der Fischmarktgasse (ab 1879 Zollernstraße 10) und eröffnete dort 1844 seinen Betrieb. Auch inhaltlich hat Jakob den Weg des Verlags gebahnt. So übernahm er den 1817 zum ersten Mal bei Bannhard erschienenen Kalender „Wanderer am Bodensee“, der bis 1943 ohne Unterbrechung publiziert wurde. 1871 erreichte er eine Auflage von 36.000 Exemplaren. „Aus heutiger Sicht ist das unvorstellbar“ sagt Michael Stadler.

 

 

Jakob war ein innovativer Geschäftsmann, der sein Unternehmen Schritt für Schritt ausbaute. Gleichzeitig engagierte er sich auch politisch und im Laufe seines Lebens genoss er immer mehr Reputation in der Konstanzer Gesellschaft. 1834 wurde er Mitglied des „Bürgermuseums“, in dem sich das liberale Konstanzer Wirtschafts- und Bildungsbürgertum sammelte. Das „Konstanzer Wochenblatt“ und die „Seeblätter“ erschienen bei Stadler, Herausgeber war jeweils der radikal-liberale Joseph Fickler. Obwohl also die Zeitungen der Opposition bei Bannhard (Stadler) gedruckt wurden, konnte das Unternehmen die Ausschreibung zum Druck des „Großherzoglichen Anzeige- und Verordnungsblattes für den Seekreis“ gewinnen. 1845 erschien zum ersten Mal der „Adreßkalender für die Stadt Konstanz“.  Im gleichen Jahr wurde Jakob Mitglied des Gemeinderats.

 

 

Als Jakob 1847/48 eine eigene Zeitung herausbrachte, den eher konservativen „Tagesherold“,  verdarb er es sich mit seinen radikal-liberalen Freunden von den „Seeblättern“, die ihren Auftrag zurückzogen. Jakob orientierte sich am Wirtschaftsliberalismus und wurde 1849 als provisorischer Bürgermeister eingesetzt, an Stelle des liberalen Bürgermeisters Huetlin – der zu stark mit den 1848ern verbunden war. Trotz schwieriger wirtschaftlicher Zeiten zwischen 1850 und 1860 baute Jakob sein Unternehmen weiter aus. Durch Zukauf der Forsterschen Druckerei gehörte Stadler zu den größten Druckbetrieben in Konstanz. 1852 stellte Jakob die erste Schnellpresse von Koenig und Bauer im Seekreis auf. Sie hatte die Baunummer 3. Produziert wurden vor allem Kalender, Broschüren und Akzidenzen. Doch zeitweise muss Josephine Verlag und Druckerei durch ihr Putzmachergeschäft finanziell unterstützen.

 

 

Nach 1860 begann der wirtschaftlicher Aufschwung: 1863 wurde die Stadt an das Bahnnetz angeschlossen und viele Neugründungen verschafften Verlag und Druckerei neue Aufträge, beispielsweise für Geschäftspapiere. Gedruckt wurden aber auch Bücher zur Geschichte und Kunstgeschichte der Region, auch für den aufkommenden Tourismus. Für Kontinuität sorgten weiterhin Kalender und Adressbuch. In dieser Aufbruchszeit versuchte Jakob zweimal, eine Zeitung im eigenen Verlag herauszubringen: 1864 die „Bodenseezeitung“ und 1869 den „Konstanzer Volksfreund“. Beide wurden nach kurzer Zeit wieder eingestellt.

 

 

Nachdem Jakob 1849 und 1857 bereits provisorisch als Bürgermeister eingesetzt worden war, wurde er 1861 als Konstanzer Bürgermeister gewählt. Er galt als Kompromisskandidat, der vor allem von den Kleingewerblern unterstützt wurde. 1866 reichte er seinen Rücktritt ein.

 

 

Schließlich übergab Jakob Stadler 1873 das Geschäft an den älteren Sohn Paul Friedrich (geboren 1840). Zwei Wochen später starb Jakob. Heute erinnert ein nach ihm benannter kleiner Platz in Stromeyersdorf an ihn.

Die 2. Generation baut weiter aus

Der erste Stadlersche Betrieb im Haus Nr. 826 in der Fischmarktgasse (heute Zollernstraße 10).

Paul Friedrich hatte im elterlichen Hause Buchdrucker gelernt und war sechs Jahre auf Wanderschaft gewesen. 1865 kehrte er nach Konstanz zurück und heiratete ein Jahr später Emma Staudt aus Ravensburg, die eine ordentliche Mitgift in die Ehe einbrachte. Diese konnte man gut gebrauchen, denn Wirtschaft und Gewerbe waren wieder einmal ins Stocken geraten. Über die Runden kam der Verlag auch mit Hilfe eines kleinen Schreibwarenhandels. Wie bereits sein Vater modernisierte Paul Friedrich auch in schwierigen Zeiten und schaffte 1874 eine neue Schnellpresse an. Für den Antrieb der Maschinen sorgte ein Gasmotor. Und auch in den 90er Jahren wurde kräftig investiert, so dass  Stadler nicht nur eine der größten, sondern auch eine der modernsten Druckereien in Konstanz war.

 

Mit 55 Jahren setzte sich Paul Friedrich zur Ruhe und verkaufte seinem 34-jährigen Sohn Friedrich Jakob (Friedrich jun.) Stadler Druckerei und Papierhandlung.

Ein Kaufmann übernimmt das Ruder

Das „Stammhaus“ in der Zollernstraße.

Friedrich jun. war gelernter Kaufmann und entwickelte sich zu einem erfolgreichen Verkäufer von Verlagsprodukten, wie Behörden- und Geschäftsdrucksachen, Katalogen und Broschüren. Die Buchproduktion spielte nur eine geringe Rolle, dafür wirkte sich eine technische Revolution unmittelbar aus:  1899 erschien das erste Konstanzer Telefonbuch.

 

Zwischen 1903 und 1905 baute Friedrich Jakob Georg Stadler am Stammsitz in der Zollernstraße  das repräsentative Mutterhaus, das sich noch immer im Familienbesitz befindet. 

 

Doch mit Beginn des 1. Weltkriegs brachen schwierige Zeiten an für Firma und Familie. Juniorchef Georg Friedrich fiel 1915 an der Westfront. Außerdem verlor das Unternehmen innerhalb von kurzer Zeit die Hälfte seiner vierzigköpfigen Belegschaft, entweder weil die Mitarbeiter einberufen wurden oder sich freiwillig meldeten. Sechs von ihnen kehrten nicht zurück. Die Druckerei hielt sich mit Formular- und Behördendruck über Wasser.

 

Und kaum wurden nach Kriegsende wieder erste Bücher und auch ein neues Adress- und Telefonverzeichnis gedruckt, erkrankte der Firmenchef schwer und starb 1920. 

 Seine Witwe Maria sprang in die entstandene Lücke und führt den Betrieb als neue Inhaberin erfolgreich weiter. Wie ihre männlichen Vorgänger – und Nachfolger – musste sie dabei manch schwierige Aufgabe lösen. Das Unternehmen bekam die Inflation zu spüren, profitierte jedoch auch davon, indem sie Notgeld druckte. Schließlich hatte Sohn Ernst seine Meisterprüfung in Leipzig abgelegt und trat in den Verlag ein. Nach der Inflation modernisierte er den Maschinenpark und ließ den „Wanderer am Bodensee“, der immer noch eine wichtige Einnahmequelle war, dem Zeitgeschmack anpassen und den Titel in „Wanderer vom Bodensee“ ändern. Für diese Aufgabe stellt er den Journalisten Ernst Bloch an.

 

Doch die Wirtschaftskrise machte dem Unternehmen schwer zu schaffen und der wirtschaftliche Niedergang war nicht mehr abzuwenden. 1931/32 übergab Maria Stadler das Geschäft an ihre beiden Söhne und teilte es auf: Ernst Stadler übernahm Verlag und Druckerei, sein Bruder Werner den Handel mit Papier und Schreibwaren. So konnte ein Vergleichsverfahren gegen die Firma abgewendet werden.

Die 4. Generation

Das ehemalige Verlagshaus in der Wollmatinger Straße.

Zur Zeit der nationalsozialistischen Machtergreifung war die wirtschaftliche Lage schlecht und alles hing davon ab, ob es Ernst gelingen würde, größere Aufträge an Land zu ziehen. Er druckte schließlich zwei Jahre lang die „Bodensee-Rundschau“, die Zeitung der neuen Machthaber. Doch deren Zahlungsmoral war schlecht und man trennte sich, als die Partei die Druckerei der „Konstanzer Zeitung“ erwarb.

Ernst gelang es, neue Kontakte über den See beispielsweise zu den Dornier-Werken und in die Nachbarschaft, etwa zu den Singener Maggi-Werken, zu knüpfen und der Betrieb erholte sich langsam. Doch dann brach der 2. Weltkrieg aus und sofort setzte die Zwangsbewirtschaftung ein. Druckerei und Verlag überlebten den Krieg mit dem Druck von Lebensmittelkarten und Formularen für die Wehrmacht, Behörden und Rüstungsindustrie.

Mit dem Kriegsende ging es eigentlich bergauf: Es gab eine Flut von Aufträgen durch  die Besatzungsmacht. Doch die Franzosen verdächtigten Ernst Stadler, ein prominenter und aktiver Nazi gewesen zu sein. Sie brachten ihn vor die Spruchkammer, sein gesamtes Vermögen wurde eingezogen und ein Berufsverbot erteilt.  Konkret vorgeworfen wurde Ernst sein Parteieintritt im Frühling 1933 und der Druck der „Bodensee-Rundschau“.  In einer Berufungsverhandlung wurde Ernst Stadler dann nur noch als „Mitläufer“ eingestuft. Die Historiker Lothar Burchardt und Rainer Wirtz kommen in ihrer Publikation zum 175-jährigen Bestehen des Verlags zum gleichen Urteil. Ernst habe sich ohne großes Widerstreben mit dem NS-Staat arrangiert und ihm die Konzessionen gemacht, die sich nicht vermeiden ließen, heißt es dort.

Doch Ernst stand trotz des für ihn positiven Ausgangs des Berufungsverfahrens vor neuen Schwierigkeiten, denn die Franzosen hatten zwischenzeitlich die Setzmaschine beschlagnahmt und demontiert. So dauerte es einige Jahre, bis Verlag und Druckerei wieder in Schwung kamen. Dann aber gleich so, dass es bald zu eng wurde und man nach Alternativen zum Stammhaus suchte.

1958 zogen Druckerei und Verlag von der Zollernstraße in ein neu errichtetes Gebäude an der Wollmatingerstraße. Der Verlag entwickelt sich gut, doch die Druckerei war zeitweise nicht ausgelastet und wurde 1973 stillgelegt. Ein Jahr später trat Ernst Stadler in den Ruhestand und Sohn Michael übernahm das Ruder. 

Die 5. Generation

Heutiger Firmensitz in der Max-Stromeyer-Straße 172.

Michael Stadler konzentrierte sich allein auf das Verlagsgeschäft, zunächst unter dem Namen „Verlag Friedr. Stadler, Inh. Michael Stadler“, später als Stadler Verlagsgesellschaft mbH, mit den Schwerpunkten Buch und Telefonbuch, der Stadler Adreßbuch Verlagsgesellschaft mbH, mit dem Schwerpunkt Adreßbuch, sowie der Stadler Kalender Verlagsgsgesellschaft mbH mit dem Schwerpunkt Kalendern. Er modernisierte die Telefonbuchherstellung, verbesserte die Qualität der Produkte und passte den traditionellen Kalenderbereich dem Zeitgeschmack an.

 

Dieser Ausbau hatte auch zur Folge, dass es in dem modernen Zweckbau in der Wollmatingerstraße zu wenig Platz gab und Michael Stadler beschloss, einen Neubau in Stromeyersdorf erstellen zu lassen. Die Pläne dafür waren schon fertig, als sich die Gelegenheit bot, vom Textilunternehmen Klawitter einen Gebäudekomplex an der Max-Stromeyer-Straße zu übernehmen. Michael Stadler entschied sich rasch und ging dabei auch ein Risiko ein, schließlich war das Gebäude „dreimal so groß  wie der geplante Neubau,“ erinnert sich Michael Stadler. Seit 1994 arbeitet der Verlag Stadler an seinem dritten Firmensitz. Ein Teil der Räumlichkeiten ist an andere Unternehmen vermietet.

Ein Schwerpunkt der Verlagsarbeit war damals noch die Telefonbuch-Herstellung. Diese verkaufte Stadler jedoch 1998 an eine große Verlagsgruppe. Im selben Jahr wurde Sohn Christian, neben seinem Vater, Geschäftsführer und übernahm 2006 in 

6. Generation die alleinige Geschäftsführung der Verlage. 

Neue Herausforderungen – Neue Produkte

Immer noch beliebt: Wandkalender „Malerischer Bodensee“.
Publikationen aus dem Verlag Stadler.

Wie bereits die früheren Generationen muss sich auch Christian Stadler verschiedenen Herausforderungen stellen. Die Branche ist schnelllebiger geworden. Es könne nicht mehr für die kommenden 10 bis 15 Jahre geplant werden, sagt Christian Stadler. „Man muss beweglicher sein.“ Der Medienwandel bringt neue Mitspieler auf den Markt und während Verlage früher damit Geld verdienten, dass sie Informationen sammelten, aufarbeiteten und verkauften, gibt es heute viele Firmen, die Information als kostenloses Nebenprodukt liefern. „Man muss sich eine Nische suchen, um sich zu behaupten“, sagt Christian Stadler. Diese hat er – wie auch seine Vorgänger – im Regionalen gefunden. Dazu gehören natürlich der Bodensee, aber auch ganz Baden-Württemberg und das angrenzende Umland. Herausgegeben werden Kalender und Bücher, Sachbücher, Bild- und Kunstbände. Dazu kommen zwei Magazine, das „ENTREE“ und „Golfen rund um den Bodensee“, sowie der „Konstanzer Almanach“ und der „Konstanzer Kompass“.  Außerdem werden für die Industrie Kalender und Bücher hergestellt und als „Vollservice“ für Firmen gibt es einen Weihnachtsgeschenke-Versand. Auch wird fast komplett in Deutschland produziert, vor allem in Baden-Württemberg. 

 

Gut vorstellen könne er sich, das Geschäft mit regional verankerten Magazinen noch weiter auszubauen, sagt Christian Stadler. Jüngstes Produkt in diesem Segment ist das vor über zehn Jahren von Beate Nash gegründete „ENTREE“, das Stadler 2008 übernommen und stetig weiterentwickelt hat. Das Magazin rund um Architektur, Design, Kunst und Menschen aus der Bodenseeregion wird seit 2013 klimaneutral und auf FSC-Papier gedruckt. Neu gibt es das „ENTREE“ auch digital als kostenpflichtige App für Apple und Android. Seit seinem Bestehen hat das Magazin viele Freunde gefunden und zwar weit über die Region hinaus. Und manch einer, der sich im Urlaub am Bodensee eines der dicken Hochglanzmagazine gekauft hat, hat anschließend beim Verlag alle Vorgänger-Magazine geordert, denn „das ,ENTREE‘ wird nicht alt, die Anregungen darin sind zeitlos,“ sagt Christian Stadler.

 

Bereits sehr aktiv ist übrigens auch schon die nächste Stadler-Generation. Allerdings ist Christian Stadlers Sohn Darius erst zwei Jahre alt, beschäftigt sich aber schon jetzt sehr intensiv mit Büchern und blättert jeden Monat seinen Kalender selbst um.